4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter = Begegnung mit den weiblichen Kräften


Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.
Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.
(R.M.Rilke)


Im traditionellen Kreuzweg, begegnet Jesus hier Maria.
Die erste Hauptperson ist in der Regel die Mutter. An dieser Beziehung, der Liebe und Anteilnahme,  richtet sich das Menschenkind auf (oder sinkt herab, wenn es der derer mangelt)  Im Bild dominieren die Farbtöne des (natürlichen) Triebes (rot-gelb) und die der Reifung und des  Wachsens (grün). Es ist die Zeit des intensivsten leiblichen Wachsens und Werdens.  Die Mutter wirkt überdimensional, wie sie ja auch erlebt wird und zu den vier Personen im  Hintergrund (oder Schablonen - Projektionen) sind zwei dazugekommen. Es ist die Dimension des  «oben» und «unten», das aus der Fläche einen Raum macht. Den seelischen Raum, in dem das  Geistkind sich entfalten und «wohnen» kann - oder eingesperrt und «unterernährt» dahinvegetiert.
Die Mutter ist hier - im Gegensatz zum traditionellen Kreuzweg - die größere Gestalt, so wie das  Kind sie erlebt. Die Körperhaltung entspricht der Rune «Perto» (des gemeingermanischen Futhark),  oder dem Becher, die Schale und somit den Behälter für das Wasser darstellt =  Symbol für das weibliche Element.  Oder auch, dem Gral. Ebenso wie der Becher die Flüssigkeit aufnimmt, nimmt auch die Bildfigur auf. Einmal das Kreuz, andererseits den emotionalen Strahl, der vom Herzen des Kindes ausgeht. Trotz der Größe und Dominanz in der Bildkomposition, geht von dieser Figur nichts aktiv handelndes, sondern aufnehmend formendes aus, dass durch Hingabe, Annahme und Liebe gestaltet.
Sie entspricht auch dem "Baum, der reif und rauschend..." des Rilketextes.

Station 3
Überblick Station 5