9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz = der dritte Fall / die Entscheidung


Ich lese es heraus aus deinem Wort,
aus der Geschichte der Gebärden,
mit welchen deine Hände um das Werden
sich ründeten, begrenzend, warm und weise.
Du sagtest leben laut und sterben leise
und wiederholtest immer wieder: Sein.
Doch vor dem ersten Tode kam der Mord.
Da ging ein Riß durch deine reifen Kreise
und ging ein Schrein
und riß die Stimmen fort,
die eben erst sich sammelten
um dich zu sagen,
um dich zu tragen
alles Abgrunds Brücke -
Und was sie seither stammelten,
sind Stücke
deines alten Namens.
(R.M.Rilke)

Pechmarie und Goldmarie sahen beide die gleiche innere Landschaft, es war die innere Veranlagung,  die beide unterschied und damit auch dazu brachte, den Baum und den Ofen als störend oder bedürftig  zu sehen. Wer einmal in den eigenen Brunnen hinabgestiegen ist,  wird sich als starr und  schattenwerfend erleben von etwas, das er ersteinmal nicht ändern kann, da es ein Teil seines Wesens  ist. Jedem fällt sehr schnell auf, was der „Andere“ ändern kann und sollte - im eigenen Verhalten fällt  diese Wahrnehmung mehr als schwer.
Werden die (eigenen Verhaltens-) Muster erkannt, dann steht die Entscheidung zum «Verweilen»  oder zum «Verändern» an. Allerdings ist diese Entscheidung nicht nur einmal und auch nicht so  einfach. Denn die eigenen Muster erlauben dem Ich eine «stressfreie» Erlebniswelt und sind aus  dessen Entwicklung hervorgegangen. Sie zu ändern entsteht erst aus einem Leidensdruck (Krankheit,  neue Umwelt, Veränderung der sozialen Struktur) heraus, und ist durchaus angstbesetzt. Dies soll der  Gesichtsausdruck darstellen. Auf der linken Seite ein blaue Gestalt, die «furienhaft», «gesichtslos» und  «schemenhaft» im Unterbewusstsein wühlt und drängt. Auf der rechten, «bewussten» Seite tauchen  die Symbole der drei Golgatha-Kreuze auf. Christus und die beiden anderen Verurteilten, von denen  der eine in den Himmel, der ander in die Hölle kamen. Symbolisch sind es zwei Runen, die hier  dargestellt sind(des nordischen Fudork, bestehend aus sechzehn Raunen). Die Ar - Rune (Querbalken nach rechts oben) und die Nod - Rune (Querbalken nach  rechts unten).  Die Nod - Rune ist die Schicksalsrune (Notwendigkeiten), die Ar - Rune die Lebensrune (Lebensprozesse). Übereinandergelegt ergeben sie die Hag-all - Rune, die Rune des «All -  Umhegers», im griechischen Denken, der «Logos», das «Wort» im Johannesevangelium:
«Am Anfang steht worthafter Geist. Denn worthafter Geist geht nach Gott. Gott selber ist  worthafter Geist.» (Johannesevangelium 1,1 - E. Drewermann)
Ein «Wort» ist einerseits Ausdruck der inneren Gedanken und andererseits die Möglichkeit der  Kommunikation. Also sichtbarer Schöpfungsakt aus dem Geist, der sich interaktiv ausdrückt.  Das Bild stellt die Entscheidungsfindung vor der «Geburt», des «in Erscheinung-tretens» dar, das mit  Kämpfen verbunden ist und weist auch auf den Rilketext, der sich auf Abel und Kain bezieht. Abel =  der nomadisierende Viehzüchter, der auf der Erde umherstreift und das nimmt, was diese ihm gibt -  Kain = der die Erde aufreißende und Bäume ausrodende Ackerbauer, der die Landschaft (hier die  Seelenlandschaft) umgestaltet; und durchaus in der dunklen Gestalt auffindbar ist.

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