Die vierzehn Stationen des «Kreuzweges» - als vierzehn Stationen des «Seelenweges»


„Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag.
Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.
Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund und groß,
und halte es hoch, und ich weiß nicht wem
löst es die Seele los...“ (R.M.Rilke)

Einleitung

Der Kreuzweg ist eine alte Form der Nach-ahmung, des Nach-erlebens des wichtigsten  Heilsereignisses der christlichen Religion: des Leidens und Sterbens des Gottessohnes. Entstanden ist er  in Jerusalem, an den ursprünglichen Orten, die gläubig, leidend, feiernd, nachgegangen wurden.
Später fand er in Europa Eingang und schmückt schon seit Jahrhunderten römisch-katholische Sakralräume. Vor allem in der Passionszeit, bis in Ostern hinein, wird er zur Verinnerlichung und Vergegenwärtigung der Menschwerdung Gottes benutzt.
In der kirchlichen Tradition ist nur Jesus der Sohn Gottes, in verschiedenen gnostischen und außer-kirchlichen Bewegungen, ist dagegen auch jeder Mensch, ein Kind (Sohn) Gottes und erlebt die „Menschwerdung des Göttlichen“ im eigenen Leben nach.

Diesen Gedanken, das der Weltengrund (Vatergott) in jedem Menschen zum Bewusstsein kommt, folgt auch diese Verarbeitung des Kreuzweges – als Seelenweg. Die Ursache des Seins - der Urgrund - wird Leben (die Welt vom Mineral, über das Pflanzenreich bis hin zum Tierreich) und kommt in dieser Welt zum Bewusstsein (im Tierreich). Im Menschen wird er seiner selbst bewusst. In dem jüdischen Rabbi kam Gott zu sich selbst so, das dieses Leben als Vorbild in der Gesamtentwicklung der Menschheit als Vorbild dienen konnte. Das "Ich-Bin-Da" des (sich darauf vorbereitenden Israel) wurde zum "Ich-Bin" in einem einzelnen Menschen. Nicht mehr ein Volk, oder Stamm, sondern das menschliche Bewusstsein.
Der Mensch braucht Gott um zu sich selbst zu kommen = Gott braucht den Menschen um sich seiner selbst bewusst zu werden. Das ist unitarisches Denken, das aber so auch bei Teilhard de Chardin, Rudolf Steiner, Ken Wilber und anderen Vertretern der spirituellen Evolution (Sri Aurbindo) zum Ausdruck kommt.
Oder auch: "Gott wurde Mensch - damit der Mensch Gott werde"
 
Der Zyklus folgt einer Zweiteilung. Die ersten sieben Bilder stellen das Werden des Menschen dar, bis zur Reife und vollen Handlungsfähigkeit in der Welt. Die zweiten sieben Bilder die Entwicklung
zur geistigen Reife, die mit der körperlichen nicht identisch sein muss.

Eins
Entscheidung

Anfang
Acht
Zwei
Annahme

Verwirklichung
Neun
Drei
Unsicherheit

Ausgeliefertsein
Zehn
Vier
Prägung durch das Weibliche

Verwirklichung des Weiblichen
Elf
Fünf
Prägung durch Männliche

Verwirklichung des Männlichen
Zwölf
Sechs
die innere Welt als treibend

die innere Welt als zielgebend
Dreizehn
Sieben
Eigenständigkeit

Ganzheit
Vierzehn


Den Bildern ist fortlaufend der Eingang des Stundenbuches von R.M.Rilke beigestellt

Überblick Station 1